Positionspapier: Maßnahmen zum Schutz von Fachkräften in KiTas und Einrichtungen der Jugendhilfe


Erhöhtes Infektionsgeschehen durch Mutation des Coronavirus SARS-CoV-2


Das Coronavirus SARS-CoV-2 betrifft seit dem Frühjahr 2020 nahezu jeden Bereich des öffentlichen Lebens. Seit Beginn der Pandemie wurden diverse Infektionsschutzmaßnahmen seitens der Bundes- und Landespolitik erarbeitet und umgesetzt. Im Speziellen werden seither diverse Bereiche der Kinder- und Jugendbetreuung besprochen, insbesondere Schul- und Einrichtungsschließungen, Notbetreuung in Kindertagesstätten und Homeschooling werden immer wieder thematisiert. Zuletzt wurde, aufgrund des erhöhten Infektionsgeschehens der vergangenen Wochen und Monate sowie der Mutation des Virus, verstärkt über die Rolle von Kindern und Jugendlichen diskutiert.

Als freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe stehen die Pro-Liberis gGmbH und die Lenitas gGmbH, sowie viele weitere Trägergesellschaften und Betreuungseinrichtungen deutschlandweit, vor besonderen Herausforderungen in Bezug auf die angestellten Fachkräfte und weiteren betroffenen Personengruppen.

Die nachfolgenden Ausführungen wurden daher gemeinsam mit den Kolleg*innen der Betreuungseinrichtungen zusammengefasst. Diese richten sich an die Verantwortlichen in Bundes- und Landespolitik, zur besonderen Unterstützung in den Themenbereichen der Kinder- und Jugendhilfe sowie der dort beruflich agierenden Personen, zum Schutz dieser sowie der zu betreuenden Kinder und Familien. Die dargestellte Ist-Situation in den Einrichtungen sowie eine explizite Bedarfsanalyse zum weiteren Verfahren wurden berücksichtigt.

1. Besondere Schutzmaßnahmen und dringend notwendige Zugeständnisse für das Personal

Eine Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stellt dar, dass die meisten Krankschreibungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zwischen März und Oktober 2020 auf Angestellte der Bereichen Kinderbetreuung und -erziehung fallen.[1] Personen dieser Berufsgruppen waren sogar häufiger betroffen als medizinische Fachangestellte, die an zweiter Stelle folgen. Mehr als das Doppelte der Krankschreibungen im Bundesdurchschnitt betraf Fachkräfte im Berufsfeld der Kinderbetreuung.

Das WIdO führt diese Situation als Resultat auf die politische Entscheidung zurück, Einrichtungen der Kinderbetreuung trotz Lockdown und Kontaktbeschränkungen geöffnet zu lassen, um somit andere Berufsgruppen und Wirtschaftsbereiche durch Notbetreuungsmodelle zu entlasten.

Nach der bundespolitischen Entscheidung, Betreuungseinrichtungen im zweiten Lockdown geöffnet zu lassen, wurde entschieden, dass in diesen Einrichtungen eingesetzte Fachkräfte erst in der letzten von drei priorisierten Bevölkerungsgruppen geimpft werden. Diese Entscheidung sorgt für Unverständnis und steigenden Druck bei den Beschäftigten.
Von der Ansteckung durch das Coronavirus geht die größte Gefahr aus, jedoch schützt vor dieser ausschließlich die Impfung gegen SARS-CoV2. Auch der sensible Umgang mit Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen schützt das ungeimpfte Personal nicht in ausreichendem Maße. Das Einhalten von Sicherheitsabständen ist für das pädagogische Personal sowie insbesondere die Fachkräfte in Krippen-Gruppen schlichtweg nicht umsetzbar. Auch das Tragen von Atemschutzmasken ist insbesondere im Krippenbereich nicht möglich, da Mimik und Gestik des Betreuungspersonals eine übergeordnete Rolle in der frühkindlichen Entwicklung einnimmt. Qualitativ hochwertige Arbeit in der Kinderbetreuung bedarf eine gewisse Nähe, die nur durch eine Schutzimpfung risikolos gestaltet werden kann.

Eine Sorge der Mitarbeiter*innen betrifft insbesondere die Gefahr des mutierten Virus, welches auch leichter bei Kindern zu Infektionen führt. Die Darstellung, dass Kinder weniger von Ansteckungen betroffen sind, muss anders kommuniziert werden. Aktuell führt die momentane Darstellung zwangsläufig zu Irritation und Irreführung der Eltern, die ihre Kinder trotz (leichter) Krankheitssymptome in die Betreuungseinrichtungen geben. Auch ein leichter Verlauf der Krankheit setzt Viren frei und kann übertragen werden, bei der mutierten Form des Virus anscheinend umso schneller.

Weitere Ursachen der Krankschreibungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus liegen neben der tatsächlichen Ansteckung in weiteren Bereichen, die es dringend zu bedenken gilt: Gesundheitliche Auffälligkeiten wie Erschöpfungserscheinungen, Depression, geschwächte Immunabwehr sowie ständige Bedenken davor sich anzustecken, erhöht den Druck auf Fachkräfte in Betreuungseinrichtungen. Die hohe psychische Belastung des Personals nimmt darüber hinaus zu, nicht zuletzt aufgrund eines signifikanten Anstiegs von ausfälligem Verhalten bei Kindern und Eltern gegenüber dem Personal.

Ein eindeutiger Zusammenhang ergibt sich aus der nicht klar und einheitlich definierten Regelungen zur Inanspruchnahme eines Notbetreuungsplatzes. Ein Großteil der Betreuungsgruppen ist nahezu vollständig besetzt, da auch Erziehungsberechtigte das Angebot der Notbetreuung nutzen, die dieses nicht zwangsläufig benötigen.

Durch diesen Sachverhalt geht wiederum einher, dass nicht bedeutend weniger Personal eingesetzt werden kann. Aufgrund des erhöhten Krankenstandes steht dieses zudem nicht zur Verfügung, es muss eine Mehrarbeit durch weniger Fachkräfte in einer deutlich schwierigeren Situation geleistet werden. Zudem finden sich auch Fachkräfte selbst in der Situation wieder, eigene Kinder zu Hause betreuen zu müssen. Hieraus resultiert ebenfalls, dass Kolleg*innen in den Einrichtungen fehlen. Auch können diese fehlenden Fachkräfte nicht durch „Springer“ kurzzeitig überbrückt werden, da ansonsten eine Durchmischung über mehrere Einrichtungen stattfände.

Auch innerhalb der einzelnen Einrichtungen wird penibel darauf geachtet, dass keine Vermischung innerhalb der verschiedenen Betreuungsgruppen stattfindet – weder bei den Kindern noch beim Personal. Das erschwert die Planung von Pausen- und Ruhezeiten der Angestellten sowie den Arbeitseinsatz von Teilzeitkräften, da wie bereits beschrieben, keine unterschiedlichen Gruppen zusammengelegt werden sollten.

Um Fachkräfte in dieser Situation zu entlasten und der Spiralwirkung entgegenzutreten fordern wir dringend folgende Maßnahmen:

- Pädagogisches Personal muss bei der Schutzimpfung priorisiert behandelt werden!
-> Es gibt kein Argument dafür, dass sich eine bestimmte Berufsgruppe eher der Gefahr einer Covid-19-Erkrankung aussetzen soll als eine andere. Das Risiko einer Ansteckung ist wie bereits beschrieben in einigen Berufsfeldern, wie beispielsweise dem der Fachkräfte in der Kinderbetreuung, höher als bei anderen.
- Klare Regelung der Bundesregierung zur Beantragung eines Notbetreuungsplatzes analog zum ersten Lockdown und eine maximale Auslastung in den Notgruppen von 50%. - Keine vorzeitige Öffnung der Kitas – auch keine schrittweise Öffnung vor allen anderen Bundesländern in Baden-Württemberg. - Klare, einheitliche und verbindliche Regeln für alle Träger der Kinderbetreuung.

2. Bundesweite Beitragsfreiheit zur erleichterten Betreuung durch Eltern

Wie bereits unter Punkt 1 beschrieben, wird die Möglichkeit der Notbetreuung durch Eltern zu großen Teilen wahrgenommen, da im Gegensatz zum ersten Lockdown im vergangenen Jahr nicht einheitlich geregelt ist, wem die Inanspruchnahme eines Platzes in der Notbetreuung vorrangig zusteht.

Mit dieser Regelung und einem erneuten Appell an Eltern sowie deren Abreitgeber*innen durch die Politik, Kinder nach Möglichkeit im Privaten zu betreuen, kann zu einer möglichen Entspannung der aktuellen Belastungssituation in Kinderbetreuungseinrichtungen führen. Damit sind auch Synergieeffekte hinsichtlich der angespannten Personalsituation möglich.

Doch mit einem lediglich gutgemeinten Ratschlag an Eltern und Unternehmen ist die Problematik nicht obsolet, denn wenn die Eltern trotz der privaten Kinderbetreuung zu Hause zusätzlich auch noch KiTa-Beiträge entrichten müssen, lässt sich nicht auf eine Entspannung hoffen.

- Aus diesem Grund fordern wir, dass Eltern, die ihre Kinder zuhause betreuen von Kita-Beiträgen befreit werden. Diese Familien leisten durch ihre Betreuung im Privaten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur gesamtheitlichen Eindämmung der Pandemie.

3. Unsere eindringliche Bitte um Fairness in dieser außergewöhnlichen Situation

Fachkräfte in der Kinderbetreuung sowie der Kinder- und Jugendhilfe leisten nicht erst seit Beginn der aktuellen Krisensituation außerordentliche Arbeit für das Wichtigste – unsere Kinder, unsere Zukunft. Sie halten auch während der momentanen Ausnahmesituation durch Notbetreuung und direkten, unmittelbaren und persönlichen Einsatz Eltern und Arbeitgebern den Rücken frei und unterstützen somit indirekt andere und wichtige Bereiche der Gesellschaft.

Die Corona-Pandemie darf nicht jetzt schon weitreichendere Auswirkungen auf die Zukunft der Kinder haben, die ohnehin schon von wirtschaftlichen Nachwirkungen dieser Krise betroffen sein werden. Eine hochwertige Betreuung für ganze Jahrgänge muss auch in schwierigen Zeiten gewährleistet sein, um auch künftig guten Mutes nach vorne blicken zu können. Um diese Betreuung aufrecht zu erhalten und fair zu gewährleisten bedarf es dezidierter Überlegungen und Entscheidungen, die wir mit unserer Positionierung unterstreichen.

Durch die Hilfe für Fachkräfte in der Kinderbetreuung und Kindeserziehung wird mehr getan als „nur“ ein priorisierte Impfung für ein bestimmtes Berufsfeld.

[1] Pressemeldung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom 21.12.2020 | „Krankschreibungen wegen Covid-19: Erziehungs- und Gesundheitsberufe am stärksten betroffen“

Unser Positionspapier als PDF-Datei finden Sie hier.